Beitrag 2 - Warum uns der Wald gut tut

Allmählich werden unsere Mischwälder hierzulande wieder dichter und laden uns zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Sich im Wald aufzuhalten und die Atmosphäre zwischen Bäumen, Sträuchern und Moos zu genießen, ist eine uralte Tradition, die seit kurzem unter dem Namen Waldbaden wieder Aufsehen erregt. Schon in den 1980er Jahren hat das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei den Begriff Shinrin-Yoku geprägt und Aufenthalte im Wald als gesundheitszuträglich beschrieben und gefördert: das Waldbaden wird in Japan und Korea inzwischen therapeutisch in der Gesundheitsversorgung eingesetzt.

 

Doch was geschieht mit uns, wenn wir uns die lebendige Waldatmosphäre begeben?

 

 

 

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht schon einmal die Entspannung eines Waldspaziergangs erfahren hat. Die Bäume dämpfen Licht und Schall und schaffen eine wohltuende Stille, die von angenehmen Naturklängen durchdrungen wird. Die Zeit scheint stehenzubleiben, wir entschleunigen und befreien uns für eine Weile von der Überreizung des Alltages. Auf körperlicher Ebene sinken unsere Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Unser Parasympathikus wird aktiviert – der Teil unseres vegetativen Nervensystems, der auch als Erholungsnerv bezeichnet. All unsere körperlichen Funktionen stellen sich auf Entspannung ein: Puls und Blutdruck sinken, unsere Atmung wird tiefer. Unsere Herzratenvariabilität, auch ein Indikator für unseren Entspannungszustand, vergrößert sich.

 

Nicht nur Menschen mit Burnout, chronischem Stress oder Depressionen profitieren von diesen beruhigenden Effekten. Das Waldbaden tut uns allen gut und hilft uns, Kraft für den Alltag zu tanken. Der Entspannungseffekt tritt schon nach sechzig Minuten ein und kann sich auch Stunden später positiv auf die nächtliche Schlafqualität auswirken.

 

 

 

Für unser Wohlbefinden im Wald spielt die Luftqualität eine wesentliche Rolle. Die Photosynthese der Waldbäume führt zu einem höheren Sauerstoffgehalt und Schadstoffe werden aus der Luft gefiltert. Die frische, kühle und feuchte Luft schafft angenehme Klimabedingungen, die Körper und Geist positiv beeinflussen.

 

Auch unser Immunsystem wird angeregt, wenn wir uns inmitten der Bäume befinden: unser Organismus produziert mehr natürliche Killerzellen und macht uns damit widerstandsfähiger. Die natürlichen Killerzellen greifen nicht nur Viren an, sondern sind auch elementar in der Bekämpfung von Krebszellen. Dabei ist noch unklar, wie diese Steigerung unserer Immunabwehr, die sogar über mehrere Tage nach unseren Waldbesuchen anhält, hervorgerufen wird. Koreanische und japanische Studien legen nahe, dass Alpha- und Betapine an diesen positiven Auswirkungen beteiligt sind. Diese sekundären Pflanzenstoffe sind Phytonzide und gehören zu der Gruppe Terpene. Das sind pflanzeneigene Duftstoffe, die den Bäumen als Kommunikationsmittel dienen und unser Immunsystem und unser Wohlbefinden positiv beeinflussen. Vermutlich sind die gesundheitsfördernden Wirkungen wie Entspannung und gesteigerte Immunabwehr komplexere Prozesse, die nicht ausschließlich über Phytonzide erklärt werden können; denn wir atmen nur einen geringen Teil dieser sekundären Pflanzenstoffe bei Waldspaziergängen ein. Einige Forscher*innen vermuten, dass wir nicht auf den pharmakologischen Reiz der Terpene reagieren, sondern insbesondere auf Erinnerungen. Der Wald und sein ganz eigener Duft seien demnach mit positiven Erfahrungen verknüpft, die uns über den Duftreiz wieder ins Bewusstsein gerufen werden.

 

 

 

Aus evolutionistischer Perspektive geht man davon aus, dass wir als Menschen einen intrinsischen Hang zur Natur haben. Dieses als Biophilia bezeichnete Phänomen erleben wir zum Beispiel auch, wenn wir uns von einem Sonnenaufgang faszinieren lassen oder uns den Klängen des rauschenden Meeres hingeben. Offensichtlich löst die Natur grundsätzlich positive Emotionen in uns aus. Und diese Stimmungsaufhellung hat wiederum körperliche Konsequenzen. Der Wald, seine Geräusche und Düfte, aber auch sein Anblick und das taktile Empfinden, das wir haben, wenn wir über den feuchtweichen Boden flanieren, lenken uns ab – von Sorgen, Grübeleien und auch von körperlichen Schmerzen. Wir schütten Endorphine aus und diese Botenstoffe wirken sich schmerzlindernd auf uns aus. Bereits in den 1980er Jahren konnte in einer Studie belegt werden, dass sich Patient*innen nach Operationen und Krankheiten schneller erholen, wenn sie sich in der Natur aufhalten oder zumindest einen Ausblick auf die Natur aus ihrem Krankenbett genießen können. Außerdem benötigten sie weniger Schmerzmittel als Patient*innen, die in der Genesungsphase auf leere Wände oder Kunstwerke schauten.

 

Der Begriff des Waldbadens verweist auf einen ganz wesentlichen Aspekt dieses „Im-Wald-Seins“, über welchen sich diese Praxis von körperbetonten Aktivitäten wie Wandern oder Laufen absetzt: es geht nicht darum, uns zu verausgaben oder zu trainieren. Wir betreten den Wald nicht einmal mit der Absicht, an einem vorab festgelegten Ziel anzukommen – beim Baden dürfen wir einfach sein, ohne Anstrengung und Mühe. Wir dürfen uns hingeben und alles in uns aufsaugen, was uns gut tut. Unsere Aufmerksamkeit liegt nicht auf den Muskeln, die wir beanspruchen oder den Schritten, die wir zählen – wir sind bei uns, an Ort und Stelle. Der Wald wird dann zu dem Raum, den wir uns selbst geben. Wir erlauben uns, einfach zu sein.

 

 

 

Wann waren Sie zuletzt im Wald? Machen Sie den Selbsttest: Nehmen Sie sich zwei Stunden Zeit, um ganz absichtslos durch die Natur zu spazieren. Betrachten Sie die Vielfalt der Bäume und Sträucher, Vögel und Käfer. Nehmen Sie tiefe Atemzüge, berühren Blätter und Zweige und lassen sich einfach mal gehen. Wie geht es Ihnen dabei und danach? Beobachten Sie selbst, wie sich das Waldbaden auf Sie, Ihre Entspannung und Schlafqualität auswirkt.